Armut steigt

Dieses Interview, das Thomas Tritsch mit dem Soziologen Dr. Grabka geführt hat, veröffentlichte der Bergsträßer Anzeiger (BA) am 26. November 2010:

Bergstraße. Deutschland driftet auseinander. Das Land zerfällt in Arm und Reich. Und die Zukunft sieht nicht besser aus. Der Soziologe Dr. Markus M. Grabka vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) arbeitet an der größten deutschen Längsschnittstudie über die Einkommens- und Vermögensverhältnisse mit. Der Verteilungsforscher recherchiert seit über 17 Jahren, was seine Landsleute in der Tasche haben. Am Mittwochabend referierte der Wissenschaftler auf Einladung der Karl-Kübel-Stiftung in Heppenheim. Mit dem BA sprach Grabka (42) vor seinem Vortrag über die gesellschaftliche Spaltung der Gegenwart und die weiteren Aussichten, die alles andere als rosig sind.

Herr Dr. Grabka, wie lässt sich Armut eigentlich messen?
Dr. Markus M. Grabka: Wissenschaftler sprechen bei Armut von der Chance auf gesellschaftliche Teilhabe. Sie bemisst sich also am durchschnittlichen Einkommen relativ zu einer Gesellschaft. Und das kann man sehr wohl analysieren.

Wie sieht es aktuell aus?
Grabka: Die Finanzmarktkrise ist überschritten, wir erkennen einen wirtschaftlichen Zuwachs mit wieder ansteigenden Arbeitsmarktzahlen. Dennoch ist die relative Einkommensarmut in Deutschland weiterhin auf einem sehr hohen Niveau. Man würde eigentlich erwarten, dass mit der Zahl der Arbeitslosen parallel auch die Armut abnimmt. Das gilt nicht mehr in dem Maße, wie es noch in den 80er und 90er Jahren der Fall war.

Warum?
Grabka: Der Staat schafft es durch seine Umverteilungspolitik nicht mehr, Armut einzudämmen. Das beobachten wir seit 2005. Wenigverdiener haben heute weniger, Gutverdiener unterm Strich mehr in der Tasche.

Woran liegt das?
Grabka: Seit Mitte der 2000er Jahre hat die Zahl der prekären Arbeitsverhältnisse wie geringfügige Beschäftigung, Solo-Selbstständigkeit sowie Teilzeit- und Leiharbeit deutlich zugenommen. In den 80ern und 90ern hatten noch zwei Drittel der Erwerbstätigen ein normales Arbeitsverhältnis, jetzt sind es etwas mehr als die Hälfte. Das ist ein fundamentaler Wandel, der mit der Jahrtausendwende enorm spürbar geworden ist. Auch ganz aktuell sehen wir einen Zuwachs an sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung, aber praktisch sind das vor allem Jobs im Leih- und Zeitarbeiterbereich, die ja leider unsicher und schlecht bezahlt sind. Die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes hat sich vorrangig zuungunsten der Arbeitnehmer entwickelt. Der zentrale Vorteil liegt bei den Arbeitgebern.

Wer ist besonders von Armut betroffen?
Grabka: In den zurückliegenden 20 Jahren hat sich viel verändert. Seit zehn Jahren sind Alleinerziehende, vor allem junge Mütter, und kinderreiche Familien die Problemgruppe schlechthin geworden. Das war früher nicht so. In den vergangenen fünf, sechs Jahren kamen auch junge Erwachsene hinzu. Stichwort: Generation Praktikum, die 19- bis 25-Jährigen. Der Einstieg in das Erwerbsleben ist schwieriger geworden, die Jungen kommen schlechter und später in eine Vollbeschäftigung, die ausreichend bezahlt wird.

Gibt es Unterschiede zwischen den Geschlechtern?
Grabka: Tendenziell: Reichtum ist männlich, Armut ist weiblich.

Migranten sind eine weitere Problemgruppe?
Grabka: Eindeutig! Auch hier ist die Einkommensarmut insgesamt gewachsen.

Gibt es regionale Unterschiede?
Grabka: Dem Süden und Westen geht es besser als dem Norden und Osten. Gut zu sehen bei der Gruppe von Kindern bis 15 Jahren, die in einem durch Sozialgeld finanzierten Haushalt aufwachsen. Erschreckend sind die aktuellen Zahlen für Berlin: Gut 36 Prozent aller Kinder sind auf ALG II angewiesen. Das ist aber nur die Spitze des Eisbergs. Also jene, die eine Grundsicherung überhaupt beantragen.

Bedeutet mehr Bildung weniger Armut?
Grabka: Das ist die Kernfrage, wenn man nicht an den Symptomen, sondern an den Ursachen arbeiten will. Investitionen in Bildung sind elementar. Der Anteil der Bildungsausgaben am Bruttoinlandsprodukt ist aber seit Jahren am Sinken. Auch wenn die Politik chronisch das Gegenteil behauptet.

Hat sich die Armuts-Situation mit den politischen Zuständigkeiten verändert?
Grabka: Absolut. Gerade unter der rot-grünen Bundesregierung hat die Spaltung in der Gesellschaft erheblich zugenommen. Der damalige Umbau des Sozialstaates im Hinblick auf Arbeitslosengeld II war notwendig, hat aber die Kluft zwischen Arm und Reich vergrößert. Auch unter der großen Koalition und danach zeigen sich keine Anzeichen auf eine Umkehr. Im Gegenteil: Wir erwarten noch größere Gräben. Der Wohlstand in Deutschland ist ungleich verteilt. Die Armutsrisikoquote ist in den vergangenen zehn Jahren um 40 Prozent angestiegen.

Ihr Blick in die Zukunft?
Grabka: Junge Leute werden sich sehr genau überlegen, ob sie Nachwuchs wollen. Die Altersarmut dürfte zum Massenphänomen werden, nicht nur im Osten. Insgesamt wird sich die Schere weiter öffnen. Die Politik kennt die Situation, reagiert aber leider nicht darauf. Ich kann nur den Finger in die Wunde legen.

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