Rentner mit weniger als 1000 Euro/Monat

Die Armut steigt auch unter Rentnern kontinuierlich an. Rund 5 Millionen Rentner müssen von weniger als 1000 Euro im Monat leben – insgesamt 28% der 17,6 Millionen Rentner 2021. Wie immer sind Frauen mit 38% besonders betroffen (Männer 15%). Das ist das Ergebnis einer aktuellen Untersuchung des Statistischen Bundesamtes.

In der Folge stieg auch die Zahl der Rentner, die trotz Rente noch arbeiten müssen. 13 Prozent (fast doppelt so viele wie vor 10 Jahren) der 65- bis unter 75-Jährigen gingen 2021 einer Beschäftigung nach. Besonders hoch war die Quote bei Rentnern mit Hochschulabschluss (20%), während er bei Personen ohne Berufsabschluss bei 10% lag.

Corona bringt echtes Hartz IV-Feeling

Gegner der Corona-Maßnahmen argumentieren oft damit, dass diese Regeln ihnen die Lebensfreude nehmen würden. Dinge, die das Leben angenehm machen, könne man nicht mehr genießen. Kein Shopping, kein Theater, kein Konzert, kein Urlaub, keine gemeinsamen Weihnachtsfeiern. Was nicht nur deshalb schlimm sei, weil man dabei auf Vergnügen verzichten müsse, sondern vor allem, weil stärkende Glückshormone, die bei solcherlei Aktivitäten entstehen, dem Immunsystem jetzt fehlten.

Dabei wird vergessen, dass ein großer Teil unserer Gesellschaft bereits seit Jahren auf diese Art von Vergnügungen verzichten muss – beispielsweise Hartz IV-Bezieher. Das bisschen Arbeitslosengeld reicht nicht mal aus, um sich regelmäßig gesund ernähren zu können – über Konzerte, Theater und andere kulturelle Dinge braucht man da nicht zu reden. Und über Urlaub schon gar nicht. Das Eingesperrtsein, die Handlungseinschränkungen und die soziale Isolation, die durch die Corona-Regeln entstehen, sind für einkommensschwache Menschen auch ohne Corona seit über zehn Jahren Alltag.

Das betrifft nicht nur Erwerbslose, sondern auch viele Geringverdiener, Alleinerziehende, Obdachlose, Flüchtlinge oder Bezieher von Grundsicherung im Alter (zu denen auch ehemalige Pflegekräfte gehören). Nach dem aktuellen Armutsbericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes leben inzwischen mehr als 13 Millionen Menschen in Deutschland in Armut. Niemand von ihnen hat die Möglichkeiten, sich sein Immunsystem gesund konsumieren zu können.

Deshalb würden wir uns freuen, wenn die Gegner der Corona-Maßnahmen nicht nur für sich selber, sondern auch für diese gesellschaftlichen Gruppen mit gleicher Vehemenz Glücksgefühle zur Stärkung des Immunsystems einfordern würden. Solange das nicht der Fall ist, wirken solcherlei Argumente der Maßnahmen-Kritiker eher wie das Gequengel eines verwöhnten Kindes, das auf keinen Fall auf seinen Lutscher verzichten will.

Glückshormone entstehen übrigens nicht nur durch kulturelle Genüsse. Der Körper produziert sie beispielsweise auch, wenn man – trotz der vielen Arbeit, mit der das oft verbunden ist – anderen Menschen hilft. Zum Beispiel bei der Tafel, in Kleiderkammern, in Flüchtlings- oder ähnlichen Gruppen. Die leuchtenden Augen, die einem dabei oft dankbar entgegen strahlen, produzieren Glückshormone ohne Ende. Das stärkt allerdings nicht nur das eigene Immunsystem, sondern stabilisiert die ganze Gesellschaft. Einfach mal ausprobieren.

Andere Wege, 5.1.2022