Jobs bei Amazon: „Wie im Arbeitslager“

Wir haben bereits in dem Artikel Ohne Lohn bei Amazon darüber berichtet, dass manche Jobcenter dem Internetversandunternehmen Amazon kostenlose Arbeitskräfte zur Verfügung stellen. Nach Angaben des Sprechers der Regionaldirektion NRW der Arbeitsagentur, Werner Marquis, sparte Amazon im Jahr 2010 „durch die Regelung etwa 950.000 Euro“. Nach Protesten und Berichten in regionalen und überregionalen Zeitungen stoppte die Arbeitsagentur Werne die Zuweisungen von Aushilfskräften für die Vorweihnachtszeit.

Jetzt erhebt das Erwerbslosen-Forum (ELO) neue Vorwürfe. Die Initiative wirft Amazon vor, dass die Saisonkräfte bereits im letzten Jahr ein zweiwöchiges unbezahltes „Praktikum“ absolvieren mussten. Die gleichen Menschen mussten auch in diesem Jahr erneut zwei Wochen ohne Lohn arbeiten. Hinzu kommt, dass Beschäftigte die Arbeitsbedingungen mit denen eines „Arbeitslagers“ vergleichen.

Hans-Peter Klein (Name geändert) war bereits im letzten Jahr bei Amazon Werne zwischen dem 15. November und 31. Dezember als Mitarbeiter im Versand tätig. Eine Entlohnung hat Klein allerdings nur für den Dezember erhalten, weil er ja im November das Praktikum machen musste. Im Sommer diesen Jahres bewarb sich Hans-Peter Klein erneut. Eine Stelle bei Amazon bekam er nur unter der Voraussetzung, erneut zwei Wochen umsonst zu arbeiten, obwohl ihm die Arbeitsabläufe sehr gut in Erinnerung waren. Dieses Mal hatte er sich selbstständig auf die Stelle beworben. Damit er während der zwei Wochen sein Arbeitslosengeld weiterbekommt, hatte Amazon laut ELO die „Maßnahme“ im Nachhinein vom Jobcenter absegnen lassen.

Martin Behrsing von der Erwerbsloseninitiative bezeichnet eine solche Vorgehensweise als „systematisches Abgreifen von Fördermitteln“. Damit werden „den Sozialversicherungen hohe Beiträge vorenthalten und den Mitarbeitern der Lohn“, so Behrsing. Amazon hingegen spricht von einem „Training zur Wiedereingliederung“.

Trotz Krankheit zur Arbeit
Laut Recherchen des ARD Magazins „Report Mainz“ haben viele Mitarbeiter bei Amazon regelrecht Angst. Angestellte der Standorte Leipzig und Bad Hersfeld hatten den Journalisten berichtet, „dass sie teilweise über mehrere Jahre immer wieder befristete Arbeitsverträge bekommen hätten und aus Furcht, nach dem Auslaufen des Vertrags nicht übernommen zu werden, trotz Krankheit zur Arbeit erschienen.“

Minuspunkte an der Kleidung
Einige Angestellte berichteten, dass die Mitnahme von persönlichen Dingen am Arbeitsplatz verboten sei. Lediglich eine Flasche Wasser dürfe mitgebracht werden. Armbanduhren, Geldbörse, Butterbrot oder Autoschlüssel müssten in einem Raum abgelegt werden. Einen abschließbaren Spind gebe es nicht. Sechs Stunden lang dürfe der Arbeitsplatz nicht verlassen werden. Müsse jemand auf die Toilette, müsse das erst beantragt und genehmigt werden.

Überhaupt würde darauf geachtet, dass ständig Höchstleistung gebracht würde. Dazu werde man ständig überwacht. Wer sich nicht genau an die Vorgaben von Amazon halte, riskiere Negativpunkte, die dann für jeden sichtbar an einer an der Kleidung zu befestigten Identitätskarte verzeichnet würden.

Wachschutz darf fristlose kündigen
Für die Sicherheit des Unternehmens in Werne ist die Wachschutzgruppe „Kötter Services“ zuständig. Die Mitarbeiter des Security-Unternehmens arbeiten selbst teilweise unterhalb des Hartz IV-Niveaus. Dennoch können die Wachleute jederzeit mündlich fristlose Kündigungen gegen Amazon-Angestellte aussprechen, ohne dass der Betroffene Einspruch erheben könnte. Die Wachschutz-Leute sollen dann im Anschluss für ein sofortiges Hausverbot sorgen.

„Laut Arbeitsvertrag kann Amazon während der ersten drei Monate den Vertrag mit einer Frist von einem Tag kündigen. Nach Ablauf der ersten drei Monate beginnt dann erst die sechsmonatige Probezeit. Das heißt nichts anderes, dass der Internetgigant neun Monate Mitarbeiter unter erleichterten Bedingungen loswerden kann, ohne dass es einer Angabe von Gründen bedarf“, sagt Martin Behrsing.

Ohne Lohn bei Amazon

Die Arbeitsagentur im Kreis Unna vermitteln derzeit Hartz IV- und Arbeitslosengeld I-Bezieher an den Internetgiganten Amazon. Nach Auskunft der Arge werden gut 500 Arbeitslose für Versandtätigkeiten des Internethändlers Amazon vermittelt. Hinzu kommen noch einmal etwa 200 Erwerbslose aus den umliegenden Regionen. Demnach vermittelt die Arbeitsagentur derzeit mindestens 700 Menschen für Amazon.

Das Unternehmen selbst spricht davon, etwa 2000 „saisonale Kräfte“ zu benötigen. Auch im Bereich des Wareneingangs, der Einlagerung und Verpackung würden weitere Arbeitnehmer gesucht. Nur einige Hundert der Vermittelten hätten aber längerfristig die Aussicht auf eine Weiterbeschäftigung.

Das Brisante an der Vermittlung: Den (unfreiwilligen) Bewerbern wird in den Informationsveranstaltungen gesagt, dass sie zunächst ein zweiwöchiges Praktikum absolvieren müssen. Erst danach wird über die Weiterbeschäftigung entschieden. Mit anderen Worten: Die Betroffene müssen die unentgeltliche Probearbeit annehmen, obwohl ihnen für diese Zeit keine Vergütung gezahlt wird. Weigert man sich, muss man mit Leistungskürzungen zwischen 30 oder 100 Prozent rechnen. Während der Probezeit wird lediglich Arbeitslosengeld plus Fahrtkosten bezahlt. Das heißt: Den „Lohn“ für die ersten Wochen zahlt der Staat in Form des Arbeitslosengeldes, und die Beschäftigten leisten unbezahlte Sklavenarbeit.

Null-Euro-Jobs

In mehr als 30 Edeka-Supermärkten in Süddeutschland, aber auch in Berlin und Dresden, sind in letzter Zeit Einpackhilfen mit gelben T-Shirts anzutreffen, die den Kunden beim Einpacken der Einkäufe helfen. Angestellt sind die Einpackhilfen nicht. Es handelt sich um Schüler und Studenten, die von der Agentur „Friendly Service“ vermittelt werden und weder vom Supermarkt, noch von der Agentur Lohn erhalten. Sie leben von den Trinkgeldern der Supermarktkunden. Ohne Urlaubsgeld, ohne Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, ohne Sozialversicherung.

Die Einpackhilfen sind nirgendwo angestellt, sondern „selbstständig“ und verfügen lediglich über einen Vermittlungsvertrag mit der Agentur. Für die Vermittlung erhält die Agentur von dem Supermarkt pro Person und Stunde drei bis fünf Euro.

Studentische Aushilfskräfte, die den Einsatz der Einpackhilfen auf 400-Euro-Basis organisieren, pflegen den Tagesverdienst jedes einzelnen Null-Euro-Jobbers in eine Datenbank ein. Einpackhilfen mit dem höchsten Trinkgeld und den meisten von den Teamleitern vergebenen Fleißsternchen für Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und Freundlichkeit werden in der Personaleinsatzplanung bevorzugt. Wer einmal wegbleibt, wird nicht mehr vermittelt.

Der Friendly-Service-Gründer und evangelische Theologe Martin Lettenmeier zielte mit seiner Agentur ursprünglich darauf ab, Hartz-IV-Empfänger im Kundenservice zu schulen und wieder in eine geregelte Arbeit zu vermitteln. Er war für sein Engagement in diesem Bereich 2006 mit dem Ideenpreis der Körber-Stiftung ausgezeichnet worden.