Serviceberater: Missbrauch als billige Arbeitskraft

Eine Presseerklärung von uns (Bergsträßer Anzeiger, 4. August 2011):

„Wir möchten niemandem die Freude über eine erfolgreich abgeschlossene Qualifizierung nehmen“, schreibt die Erwerbsloseninitiative Andere Wege in einer Pressemitteilung. Aber in Zusammenhang mit der Maßnahme „Serviceberater für Energie- und Wasserspartechnik (HWK)“ von einer „Chance für Langzeitarbeitslose“ oder von einem „Sprungbrett für Jobs“ zu sprechen, wie das derzeit der Fall sei, habe mit der Realität nichts zu tun. Der BA hatte in seiner Dienstagausgabe auf dieser Seite über das Projekt berichtet.

Die Qualifizierung zum „Serviceberater für Energie- und Wasserspartechnik“, auch Stromspar-Coach genannt, sei zunächst einmal nichts anderes als ein monatelanger Ein-Euro-Job, so Andere Wege. Neben einer theoretischen Schulung bestehe sie darin, Wohnungen anderer Erwerbsloser auf deren Wunsch hin energietechnisch zu optimieren. Am Ende der Qualifizierung stehe eine Abschlussprüfung – „und dann ist alles genau wie vorher“, schreibt die Initiative.

Einen Job bekommt man nicht

Einen Job bekomme man mit dieser Qualifizierung nicht. Man könne daran anschließend eine Zusatzweiterbildung zum „Energieberater im Handwerk“ machen, wofür normalerweise ein Meister- oder Hochschulabschluss Voraussetzung sei. Aber nicht einmal jeder zehnte Stromspar-Coach nutze diese Möglichkeit, weil dazu weitere Qualifikationen vorhanden sein müssen.

„Die positiven Seiten der Qualifizierung zum Stromspar-Coach liegen anderswo“, schreibt Andere Wege. Werde von Erwerbslosen nach ihrer Beratung durch einen Stromspar-Coach weniger Wasser und Heizenergie verbraucht, müssten die Kommunen im Rahmen der Arbeitslosenunterstützung weniger Wasser- und Heizkosten zahlen. Der Erwerbslose selbst spare bei den Stromkosten, und auch die Umwelt werde weniger belastet. Langfristig würden durch jeden Check mehr als zwei Tonnen Kohlendioxid eingespart. Das seien, da bundesweit bislang gut 50 000 Haushalte entsprechend optimiert wurden, mehr als 100 000 Tonnen weniger CO2-Emmissionen pro Jahr.

„Aber all diese positiven Effekte“, gibt Andere Wege zu bedenken, „werden durch die Arbeit von Menschen erzielt, die dabei keiner sozialversicherungspflichtigen Tätigkeit nachgehen, sondern als Ein-Euro-Jobber eingesetzt werden, ohne nach dieser Qualifizierung nennenswert bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu haben.“

„Alles in allem“, so Andere Wege abschließend, „reiht sich diese Qualifizierung in eine Reihe von weiteren angedachten Maßnahmen, wie z. B. Bürgerarbeit, die alle gut klingen, am Ende aber nur dazu dienen, Erwerbslose im Sozial- und Umweltbereich als billige Arbeitskräfte zu missbrauchen – und dadurch reguläre und qualitativ hochwertige Arbeitsplätze zu verdrängen. Der Staat zieht sich immer mehr aus der Sozialpolitik zurück – Arbeitslose sollen es richten. Das ist unserer Meinung nach kein Anlass für Freudenartikel, sondern eher dafür, die schöne neue Billiglohnarbeitswelt kritisch zu hinterfragen.“

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